Interview mit Nikola Huppertz

Schön wie die Acht

über ihr Buch Schön wie die Acht

 

Wir stellen Ihnen Nikola Huppertz vor, eine der nominierten Autorinnen der Shortlist 2021, die wir über ihr Buch „Schön wie die Acht“ befragt haben. Das Interview wurde von Julia Claaßen auf Deutsch geführt. Die Transkription finden Sie weiter unten.

 

Interviewerin Julia ClaaßenJulia Claaßen, Studentin an der Universität des Saarlandes, begeistert sich für die französische Sprache und Kultur sowie für fremdsprachige Literatur. Mit fünf Kommilitoninnen hat sie das deutsch-französische Kinderbuch „Wie das Chamäleon sein Talent gefunden hat“ geschrieben.

 

 

Die Transkription des Interviews

 

Julia (J): Ich freue mich, Nikola Huppertz begrüßen zu dürfen. Die Autorin des Jugendbuchs „Schön wie die Acht“. Das Buch ist im Tulipan-Verlag diesen Jahres erschienen und ist nominiert für den Deutsch-Französischen Jugendliteraturpreis. Hallo Nikola!

Nikola Huppertz (NH): Hallo Julia!

J: Schön, dass du das kleine Interview mit mir machst und erst mal herzlichen Glückwunsch zur Nominierung.

NH: Ganz herzlichen Dank! Ich freue mich auf unser Gespräch.

J: Und ich mich auch. In deinem Buch geht es um Malte, einen zwölfjährigen Jungen, der sich besonders für Zahlen interessiert. Möchtest du die Geschichte einmal kurz vorstellen?

NH: Ja, gerne. Es geht wie gesagt, wie du schon gesagt hast, um den Malte. Malte ist so ein richtiger Mathe-Crack. Er bereitet sich gerade auf die Landesrunde der Mathematik-Olympiade vor und ist total in dieser Zahlenwelt. Und das ist eine Welt, die an und für sich sehr logisch ist und aus logischen Zusammenhängen besteht. Aber in seinem echten Leben jenseits der mathematischen Formeln passieren gerade Dinge, die überhaupt nicht logisch sind. Seine ältere Halbschwester kommt für einige Wochen zu seiner Familie, weil ihre Mutter eine Reha machen muss nach einer Krebserkrankung. Und Josefine bringt jede Menge Unruhe mit in die Familie und alle möglichen Themen, die Maltes Gedanken total verwirren und seinen Blick auf die Welt verändern. Und da passiert es ihm auch noch, dass er sich zum allerersten Mal verliebt und ausgerechnet in ein Mädchen, das seine Konkurrentin ist in seinem Mathe-Club. Und das passt ihm nun wirklich überhaupt nicht in sein logisches Gefüge. Und wie er damit klarkommt - oder auch nicht klarkommt – das erzählt das Buch.

J: Dann erst mal vielen Dank für den kleinen Einblick. Wie man jetzt schon mitbekommen hat, es sind ganz viele Themen, die sich in deinem Buch wiederfinden lassen. Sei es jetzt das Thema Patchwork-Familie mit Josephine als Halbschwester, die erste Liebe, Familienzoff; Mathematik spielt natürlich auch eine große Rolle. Da frage ich mich, wie du auf die verschiedenen Themen gekommen bist und schließlich dann auch auf die Geschichte von Malte und Josefine.

NH: Erst passiert natürlich total viel gleichzeitig und das habe ich auch ganz bewusst so gewählt, weil ich den Eindruck habe, im echten Leben ist es auch so, wenn's kommt, dann kommt's meistens knüppeldick. Und dann ist es nicht so, dass man eine Sache einfach mal abhandeln kann und dann reiht sich die nächste an, sondern es ist meistens so: Wenn einmal etwas in Bewegung gekommen ist, dann reißt es alles mögliche andere mit sich. Und für mich war es deswegen total wichtig zu sagen: Wo ist der Fokus der Geschichte? Gerade weil so vieles gleichzeitig und ineinander verwickelt passiert. Und deswegen habe ich diesen Fokus besonders auf den Besuch der älteren Halbschwester gelegt. Der ist zeitlich begrenzt. Es geht um fünf Wochen in dem Buch, innerhalb derer sich alles abspielt und innerhalb derer der Malte also wirklich einen großen Schritt von A nach B machen muss, gedanklich und auch in seinem Verhalten und seinen Bezügen zur Außenwelt. Und diese Auseinandersetzung mit der Josefine, mit der älteren Schwester ist der Mittelpunkt der Geschichte. Und alles andere flicht sich so ein.

J: Ja, das hat man auf jeden Fall gemerkt, als ich das Buch gelesen habe. Mir ist aufgefallen, dass du das Thema Patchwork-Familie ja ganz besonders angehst. Du stellst die Höhen, aber auch die Tiefen dar. Malte ist teilweise verzweifelt, sucht Hilfe bei Josefine. Sie können sich auch nicht leiden, so wirklich. Es ist eine doch eher langsame, aber doch vielleicht auch erfolgreiche Annäherung. War dir das besonders wichtig, auch diese Höhen und Tiefen in dem Schreibprozess mit einfließen zu lassen und dann auch in die Geschichte?

NH: Ja, auf jeden Fall. Also ich glaube, dass Beziehungen in den seltensten Fällen ganz eindeutig sind. Gerade wenn man sich näher kommt, zeigen sich alle möglichen Seiten von einem Menschen und man muss sich allen Seiten gegenüber verhalten. Das kann Ärger auf jemanden sein. Das kann aber auch große Zuneigung sein. Und das schließt einander überhaupt nicht aus. Und ich glaube, gerade in so Familien-Konstruktionen, die nicht ganz einfach sind, wo auch Interessenskonflikte aufeinander stoßen, da ist es, ist es einfach immer so, dass man sich mit allen möglichen Seiten auseinandersetzen muss. Und deswegen habe ich diese Form hier auch gewählt: also die Josefine kommt mit einem ganz anderen Blick auf die Familie anmarschiert, als Malte ihn hat. Und das birgt natürlich Stoff für Konflikte. Das ist aber auch eine Chance, was Neues dazuzulernen und seine eigenen Ansichten auch ein bisschen zu verändern in Auseinandersetzung mit der Schwester.

J: Das ist auf jeden Fall wahr, das haben wir auch mitbekommen im Buch. Es geht ja doch sehr turbulent auch am Anfang zu. Man bemerkt sofort, dass Malte und Josefine doch sehr unterschiedliche Charaktere haben, obwohl sie ja irgendwie auch Halbgeschwister sind. Wenn du die Möglichkeit hättest, jetzt mit drei Attributen jeweils die Charaktere zu beschreiben … eine vielleicht doch eher große Herausforderung für diese verschiedenen Personen.

NH: Ja, also dann fange ich mal mit Malte an. Malte ist harmoniebedürftig. Malte ist strukturiert und Malte ist eher nach innen gekehrt. Während die Josefine ja gegen den Strich gebürstet ist. Sie ist verletzt und gleichzeitig angriffslustig.

J: Und gibt es vielleicht doch irgendein Merkmal, was die beiden vereint?

NH: Ja, sie haben beide, glaube ich, eine starke Intensität, Dinge wahrzunehmen und sie auch in etwas zu übersetzen. Also die Josefine ist ja selber auch kreativ. Sie schreibt Gedichte und Malte versucht, sich den Dingen mit der Formelsprache der Mathematik eigentlich anzunähern. Und da benutzen beide ihre sprachlichen Kanäle, um Dinge doch sehr intensiv zu betrachten und zu verarbeiten auch. Da sind sie sich sehr ähnlich und auch in ihrer Leidenschaft für den jeweils gewählten Weg.

J: Man könnte sogar meinen, dass sie sich irgendwann auch gut ergänzen, die Mathematik und vielleicht die Kreativität im Schreiben. Wir haben ja jetzt schon ein bisschen über Mathematik geredet, das ist ja Maltes Leidenschaft. Der Buchtitel heißt ja auch „Schön wie die Acht“ ein Titel, hinter dem sich bestimmt eine Geschichte verbirgt. Vielleicht findet jetzt nicht jeder sofort die Acht besonders schön. Möchtest du vielleicht mal erklären, was es mit der Zahl Acht auf sich hat?

NH: Ja, die Acht ist Maltes Lieblingszahl, und was er an ihr mag, ist, dass sie schon in ihrem Symbol so eine Regelhaftigkeit hat. Also sie ist symmetrisch in zwei Richtungen und sie hat dann außerdem noch trotz ihrer Eindeutigkeit - es ist eine natürliche Zahl - einen Bezug zum Unendlichkeitszeichen. Und das Unendlichkeitszeichen ist etwas, das Malte, als er noch klein war, sehr beunruhigt hat. Und wenn er es aufgerichtet hat, war es die Acht und die hatte wieder was sehr Fassbares. Dieses Verhältnis zueinander, das ist immer etwas, was bei Malte mitschwingt und deswegen kann er sich für diese Zahl ganz besonders begeistern.

J: Und da stellt sich natürlich die Frage, ob du die Leidenschaft für Mathematik auch teilst, weil du jetzt gerade auch so begeistert von ihr erzählt hast.

NH: Ja. Tatsächlich habe ich immer wahnsinnig gerne Mathe gemacht und ich hab sogar mal eine Zeitlang damit geliebäugelt, Mathe zu studieren. Hab mich dann aber aus verschiedenen Gründen dagegen entschieden. Aber ich kann es auf jeden Fall gut nachempfinden, dass sich jemand gerne ganz tief darein begibt. Was ich auch als Schülerin an Mathe immer ganz toll fand, war gerade diese Eindeutigkeit, die auch der Malte so sucht, wenn er sich in diese Zahlenwelt begibt. Wenn man sich mit Mathematik beschäftigt, ist es einfach klar: es gibt einen richtigen Weg, es gibt den falschen Weg. Es gibt ein Ergebnis, das man erlangen kann, wenn man nur die richtigen Schritte geht. Und das hat was sehr Erleichterndes, wenn gerade andere Dinge vielleicht chaotisch auf einen wirken oder unfassbar sind, und das ist es nicht in der Mathematik. Also wenn man einmal weiß, wie der Gedankenweg geht, dann sind die Dinge auf einmal ganz einfach und eindeutig. Und ich glaube, das ist das, was es auch so schön macht, sich mit Zahlen zu beschäftigen. Wenn's funktioniert, dann ist es sehr beglückend, weil es genau zu einem Ergebnis führt.

J: Es ist doch etwas, was Malte auch hilft, in seinem Weg klarzukommen. Die Welt um ihn herum zu verstehen. Jedoch ist es auch so, dass er relativ schnell merken muss, dass die Welt nicht immer so ganz strukturiert ist und logisch wie in seinen Aufgaben, mit denen er sich auch auf die Mathe-Olympiade vorbereitet. Und gerade als Josephine kommt, gerät seine Welt doch ganz schön ins Wanken. Als er dann auch noch Lale kennenlernt und nicht ganz so weiß, ob sie vielleicht doch eher ein besonderes Mädchen ist oder Konkurrentin für die Olympiade, da hätte er wahrscheinlich gerne einen Rat gehabt, was er jetzt tun soll. Und natürlich, als Autorin kennst du ja schon die Geschichte im Vorhinein, hast sie selber geschrieben. Aber wenn du Malte hier zu Beginn doch nochmal einen Rat hättest geben können, was hättest du ihm denn gesagt?

NH: Ja, ich hätte ihm eine ganze Menge zu sagen gehabt. Ich weiß gar nicht, ob er mir zugehört hätte oder ob das nicht etwas vorweggenommen hätte, was er vielleicht am Anfang der Geschichte gar nicht hören wollte. Aber ich glaube, was ihm gut getan hätte, wäre, die Dinge, die ihm auf einmal unlogisch erscheinen, einfach mal so stehen zu lassen, so wie sie sind, ohne sie zu bewerten oder ohne Angst vor ihnen zu haben oder weggucken zu wollen, sondern einfach mal das, was sich an und für sich erst einmal nicht erschließt, auch nicht unbedingt erschließen zu müssen, sondern das erstmal einfach nur wahrzunehmen, sich anzugucken und dann in einem zweiten Schritt zu schauen, wie man damit umgehen kann oder wie man etwas einschätzen und beurteilen möchte. Und ja, es braucht einfach Zeit, bestimmte Dinge, die auch vielleicht schmerzhaft sind oder verwirrend sind, erst einmal zuzulassen. Und Malte ist natürlich jemand, der sofort gerne Lösungen hätte, weil er das gewöhnt ist, dass Dinge sich lösen lassen, Aufgaben sich lösen lassen; und genau diese Diskrepanz im Erleben. Hier kann ich etwas nicht lösen. Das Leben verselbstständigt sich grade und ich weiß nicht mehr, was ich jetzt machen soll. Das überfordert ihn eben so sehr und er setzt sich da selber eigentlich unter Druck. Und ich glaube, den hätte er sich sparen können, wenn er einfach so ein bisschen gelassener und geduldiger auf alles geschaut hätte.

J: Ja, das mag sein. Aber andererseits hat er ja auch dadurch ganz viel gelernt. Er hat sich selber entwickelt. Es ist total spannend zu sehen, wie Malte am Anfang der Geschichte war und sich dann innerhalb dieser kurzen Zeit, diesen fünf Wochen, ja entwickelt und doch jugendlich wird und ganz viel mitnimmt, auch zwischenmenschlich. Und vielleicht tat es ihm auch mal gut, seine Welt der Zahlen kurzzeitig zu verlassen und neue Wege zu gehen. Und ein letztes Thema, was ich gerne auch noch anschneiden würde, ist natürlich der Jugendbuchpreis und auch das Thema Frankreich. Du warst ja schon 2019 nominiert mit dem Buch „Meine Mutter die Fee“ und hast natürlich den Jugendliteraturpreis schon kennengelernt. Gibt es etwas, auf das du dich besonders dieses Jahr freust? Mit Hinblick auf die Verleihung oder auch die Europäische Kinder- und Jugendbuchmesse?

NH: Ja, ich freue mich natürlich ganz besonders auf die Begegnungen. Ich glaube, gerade angesichts der langen Zeit in der Isolation weiß man es, glaub ich, noch ein bisschen mehr zu schätzen, was es bedeutet, mit anderen Menschen zusammenkommen zu können, über Literatur sprechen zu können und vor allen Dingen auch mit Menschen aus anderen Kulturkreisen, aus anderen Ländern zusammentreffen zu können. Ich finde, gerade nach der Zeit geschlossener Grenzen ist es ein besonders erleichterndes Gefühl einfach, dass so etwas wieder möglich wird und dieser Austausch stattfinden kann. Das hat mir wahnsinnig gefehlt im letzten Jahr und ich freue mich sowohl auf die Kolleginnen als auch auf die Kinder und Jugendlichen, vor denen ich dann auch endlich wieder lesen kann. Auch das hat ja die ganze Zeit geruht und diese Begegnungen sind natürlich auch wahnsinnig wichtig, und diesen Austausch mit den Kindern und Jugendlichen zu haben. Ja, also es ist gerade wie ein Fest, dorthin kommen zu können.

J: Ich merke, die Vorfreude ist auf jeden Fall groß. Ich freue mich dann auch schon, endlich die Leute in echt kennenzulernen, in den Austausch zu kommen. Es sind wahnsinnig interessante Bücher dabei und bestimmt können wir dann Malte auch noch ein bisschen besser kennenlernen. Wir sind jetzt leider schon am Ende des Interviews angekommen, aber vielleicht konnten wir dann doch die Neugier des einen oder anderen Zuschauers oder der einen oder anderen Zuschauerin wecken. Ich bedanke mich auf jeden Fall für das nette Gespräch und wünsche alles Gute. Und wir sehen uns dann bestimmt im Oktober nochmal wieder.

NH: Ja, super. Ich bedanke mich auch ganz herzlich und freue mich auf die Begegnung im Oktober!

J: Vielen Dank!

NH: Tschüss!

 


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