Interview mit Martin Schäuble

Schön wie die Acht

über sein Buch Cleanland

 

Wir stellen Ihnen Martin Schäuble vor, eine der nominierten Autoren der Shortlist 2021, den wir über sein Buch „Cleanland“ befragt haben. Das Interview wurde von Luise Kwak auf Deutsch geführt. Die Transkription finden Sie weiter unten.

 

Interviewerin Julia ClaaßenLuise Kwak ist 21 Jahre alt, versucht, die Welt aber weiterhin durch Kinderaugen zu sehen, sie durch Fragenstellen und durch bereichernde Begegnungen besser zu verstehen. Ihr deutsch-französisches Studium der grenzüberschreitenden Kommunikation und Kooperation hat sie vom größten Bundesland in eins der kleinsten geführt. Dass Großes aber oft im Kleinen entsteht, durfte sie selbst miterleben, als sie mit fünf Kommilitoninnen das deutsch-französische Kinderbuch „Wie das Chamäleon sein Talent gefunden hat“ geschrieben und veröffentlicht hat.

 

 

Die Transkription des Interviews

 

Luise (L): Herzlich willkommen! Ich bin Luise und ich freue mich ganz sehr, dass ich heute Martin Schäuble, den Autor vieler verschiedener Bücher und auch Jugendbücher, interviewen darf. Und wir wollen heute über sein, im wahrsten Sinne des Wortes, aktuellstes Buch sprechen. Es trägt den Titel „Cleanland“. Herzlich willkommen. Und ich dachte mir, damit uns auch alle gut verstehen, fasse ich den Inhalt des Buches kurz zusammen. Doch damit das nicht ganz so langweilig beginnt, wollte ich Sie bitten, drei Wörter zu nennen, die Ihrer Meinung nach „Cleanland“ am besten beschreiben.

Martin Schäuble (MS): Am besten beschreiben? Ich würde sagen: Kontrolle, Sicherheit... beim dritten Wort wird es schwierig: Totalitarismus. Totalitarismus oder vielleicht Fundamentalismus?

L: Ja, Kontrolle habe ich tatsächlich auch notiert sowie „Perfektion“ und „Gefangen“.

MS: Gefällt mir auch noch besser. Darf ich noch die Wörter tauschen oder ist schon zu spät? (lacht)

L: (lacht) Natürlich.

MS: Ich glaube, diese drei Wörter geben ja die Richtung vor und eigentlich habe ich hier versucht es beim Buch nicht ganz so deutlich zu machen, damit man dieses Land auch vielleicht noch ein bisschen ganz toll finden könnte. Aber Sie beschreiben jetzt erst einmal, um was es da geht, glaube ich, bevor ich zu viel verrate.

L: Genau. Also es ist die Geschichte der jungen Protagonistin namens Schilo, die in Cleanland lebt. Und das ist ein Land, in dem Gesundheit und Reinheit über Freiheit und menschlicher Nähe stehen. Das Ganze spielt nach der großen Pandemie, nach dem großen Wandel. Und die Menschen tragen im Alltag z.B. „Protektoren“, d. h. Ganzkörperanzüge, um sich und andere zu schützen oder „Controller“ am Handgelenk, über die jederzeit die Gesundheitsdaten und auch persönlichen Daten abgerufen werden können. Die einzige registrierte Kontaktperson von Schilo ist ihre Freundin Samira und sie, und ihre Familie, leben nicht ganz so streng nach den Regeln oder nach den Gesetzen der absoluten Reinheit, wie es Schilo und ihre Mutter machen. Ihre Mama arbeitet nämlich beim Ministerium für Reinheit. Schilo verliebt sich im Laufe der Geschichte in Toko. Das ist ein sogenannter Cleaner, der nachts die Wohnungen reinigt und desinfiziert. Und aufgrund des unterschiedlichen Status der beiden Jugendlichen in der Gesellschaft wird das Kennenlernen und das Verliebtsein allgemein natürlich erschwert. Ich möchte auch nicht zu viel verraten. Man kann nur soviel sagen, dass es im Laufe der Geschichte Entwicklungen und Veränderungen gibt, die Schilo zum Nachdenken und zum Hinterfragen des Systems anregen. Und sie muss sich den Fragen stellen, wie weit sie für Freundschaft und Liebe gehen kann und was sie eigentlich in Cleanland hält. Es handelt sich um einen Jugendthriller und ich muss gestehen, dass das eigentlich gar nicht so mein Genre ist. Aber das Buch hat mich wirklich gepackt und ich habe es in einem Rutsch durchgelesen. Denn das, was es auszeichnet, ist die richtige Dosierung. Wie Sie gesagt haben: man hat manchmal das Gefühl, das ist ja doch gar nicht so ein schlechtes Land und die achten ja wirklich sehr aufeinander. Und da ist man fast ein bisschen dafür. Und dann führen Sie ein Element ein und man wird daran erinnert, wie schrecklich das eigentlich sein muss, in einer so perfektionistischen und absolut kontrollierten Welt zu leben. Die Frage, die man sich natürlich stellt oder die sich viele Leser:innen stellen: Wann haben Sie das Buch geschrieben?

MS: Ich glaube, da gibt es mittlerweile verschiedene Antworten von mir. Wenn man so schaut, was bisher von mir dazu im Radio oder online gesagt wurde, weil ich mich echt enorm schwer tue mit solchen Erinnerungen. Ich weiß, auf jeden Fall war Corona schon da. Und ich weiß, auf jeden Fall gab es auch schon die ersten Schließungen. Ob es die Schulen waren, die schon zu waren oder die Geschäfte? Ich weiß es nicht mehr genau. Aber in dieser Stimmung auf jeden Fall ist es entstanden und da hat es sich noch nicht so zugespitzt. Da war nicht klar, dass uns das über ein Jahr gefangen hält oder beschäftigen wird. Das heißt, das, was ich da beschreibe, ist wirklich Phantasie. Aber dieses Zuschnüren, das man merkt, da passiert was, da entwickelt sich was, das war schon spürbar. Das war schon da. Aber, wie gesagt, es war ein fließender Prozess, wie so oft beim Schreiben. Da ging eines ins andere über. Und leider auch ganz oft, wenn man Dystopien schreibt, holt einen die Realität ein. Also man schreibt solche düsteren Aussichten auf die Zukunft und merkt auf einmal... in manchen Ländern zumindest, da blicke ich gar nicht so sehr nach Deutschland – da ist ja Cleanland schon Realität geworden. Stichwort: Russland, China, digitale Überwachung mit der Rechtfertigung „man will ja nur gesund bleiben“.

L: Und bevor das Buch beginnt, werden die sogenannten fünf Gesetze der absoluten Reinheit aufgelistet. Ich würde sie ganz kurz vorlesen: 1. Reinheit bietet Schutz. 2. Berührung ist gefährlich. 3. Abstand führt zur Sicherheit. 4. Kontrolle dient der Gesundheit. 5. Gesundheit ist wichtiger als Freiheit. (Unterschrieben) Ministerium für Reinheit. Haben Sie das Buch auch aus der Motivation herausgeschrieben, dass Sie Cleanland-ähnliche Szenarien für realistisch gehalten haben?

MS: Also sicher nicht in Deutschland und auch nicht in Frankreich. Für mich war es eher wichtig, zwei Fragen zu stellen. Zum einen: Was wird in Ländern gerade bestimmt, die eh schon recht autoritär geführt werden, also wo es eh schon so einen starken Herrscher gibt bzw. starke politische Strukturen, die sehr viel Kontrolle ausüben, freie Medien z.B. auch behindern. Russland und China habe ich schon als Beispiele genannt. Da wurde auf einmal die KI-basierte Gesichts-Überwachung ausgeweitet, dass Leute überprüft wurden, ob sie dann auch wirklich ihre Quarantänebestimmungen einhalten. Aber natürlich kann man damit auch viele andere noch kontrollieren, z.B. die Opposition, all die, die andere Gedanken haben. Das zweite, was mir beim Schreiben enorm wichtig war, war ja der Gedanke: Was ist denn danach? Und die Erinnerungen müssen wieder zurückkommen. Also ich spitze dieses Buch so zu, z.B. mit dem „Protector“, diesem Schutzanzug – man berührt sich nicht mehr. Und das ist mein zweiter Punkt, dass man sich immer wieder daran erinnert. Es ist enorm wichtig, dass wir, wenn wir es geschafft haben, geimpft sind oder auch einfach den Virus eingedämmt haben, dass wir wieder Berührung zulassen, Umarmungen, Händeschütteln, diesen Abstand wieder vergessen können. Und ich glaube, das war für mich fast das Wichtigste, weil Cleanland wird ja hier gelesen, nicht in China oder Russland. Da war für mich das Wichtigste, dass wir immer wieder daran erinnert werden, wie es vorher war und dass wir aufpassen müssen, Nähe zuzulassen und uns einfach auch wieder ein stückweit Freiheiten zu riskieren.

L: Sie sind ja für gesellschaftskritische Jugendbücher bekannt, könnte man sagen. Was hat denn Ihr Verlag gesagt, als Sie mit dem Thema oder dem Manuskript gekommen sind?

MS: Meine Lektorin war gleich Feuer und Flamme, die wollte das machen. Das große Thema war eher: wann. Also Bücher brauchen normal sehr viel Zeit, große Vorlaufzeit. Das Schreiben ist ja noch das Geringste. Es geht ja auch um die Herstellung des Buches, das Lektorat, die Vermarktung, Pressearbeit, Vertrieb, all das. Und das ist meistens eher so, dass, wenn man ein Buch jetzt bespricht, es vielleicht in zwei Jahren erscheint, aber nicht ein halbes Jahr später. Und das war die Haupthürde, die wir nehmen mussten, Lektorin Katja Massouri und ich, dass wir auch verlagsseitig soweit sind, es schnell zu machen, weil das Thema ja da war, der Stoff war da. Das Schreiben ging sehr schnell. Ich hoffe, das merkt man nicht an jeder Stelle, vielleicht noch an ein paar. Und das war alles wichtig, weil ich dachte, ich will ja was zu der Debatte beitragen. Während Corona noch da ist oder wenn es dann nicht mehr da ist und wir überlegen müssen, wie es weitergeht. Das war, glaube ich, verlagsseitig das Einzige, was wir wirklich schaffen mussten: alle dazu zu bringen, es jetzt gemeinsam schnell rauszubringen.

L: Und hatten Sie zu einem Zeitpunkt mal Bedenken, irgendwie von der falschen Seite Applaus zu bekommen oder dass es von Leuten interpretiert wird oder ausgelegt wird, wie Sie es nicht geschrieben hatten?

MS: Jaja, die Angst habe ich bei jedem meiner Bücher. Die können alle falsch verstanden werden. Also „Sein Reich“ z.B. handelt von Verschwörungstheorien, Verschwörungserzählern, die behaupten, dass Flugzeuge eben irgendwelche chemischen Kampfstoffe auf uns abregnen, obwohl es nur Verkehrsflugzeuge sind. Und man kann das als Verschwörungsgläubiger lesen und fühlt sich bestätigt. Aber wenn man weiterliest, bleibt einem dann eben doch das Lachen oder vielleicht die Freude im Hals stecken, weil man merkt die Intention von mir, die Absicht, war eine ganz andere. Es dreht sich dann immer wieder im Laufe des Buches. Und genauso ist es bei Cleanland auch. Es kann schon sein, dass man die ersten 20, 30, 40 Seiten falsch versteht, aber ich gehe davon aus, dass es weitergelesen wird. Und dann gibt es z.B. Szenen, die spielen auf einem Friedhof, da ist ein Massengrab. Und es wird ganz klar gesagt, dieses Massengrab - mehrschichtig, unterirdisch – ist entstanden aufgrund der Pandemie. Das heißt, es gab wirklich eine Pandemie und es sind wirklich Menschen gestorben. Und dann bricht man da schon wieder mit denen, die sagen und tun, als wäre das alles nur erfunden oder irgendwie eine Erzählung und es stimmt gar nicht. Aber das Risiko ist immer da, ein Stück weit. Und ich finde es aber auch gut so, weil so schafft man es vielleicht dann in dem Fall, Verschwörungserzähler oder Leute, die nicht an Corona glauben oder was auch immer, zumindest dazu zu bringen, mal zu lesen, auch wenn sie sicherlich überrascht werden im Laufe der Lektüre, wenn sie meine eigentliche Absicht erkennen.

L: Und Lesungen sind wahrscheinlich zum Zeitpunkt schwierig oder auch in Schulen ginge es wahrscheinlich nicht immer zu intervenieren. Aber haben Sie trotzdem Feedback bekommen von Jugendlichen oder jungen Menschen, wie das Buch bei Ihnen ankam?

MS: Ich glaube, das Buch kam vor allem ein Stück weit beängstigend an. Es gab viele Diskussionen mit Schülerinnen und Schülern, vor allem auch, weil die ja stattgefunden haben, meistens über Zoom, wie wir jetzt auch das Gespräch führen. Und dann habe ich in einem Klassenzimmer oder in einen größeren Raum geblickt, mit ganz vielen Mundschutz-geschützten Schülerinnen und Schülern und hatte natürlich dann dieses Buchcover mit dabei, auch mit dem Mundschutz. Und das war schon ein ganz komischer Auftakt. Wenn man dann mit Mundschutz über dieses Buch spricht. Ich glaube, die Reaktion war: Klar, es ist nicht Corona das Thema. Es ist kein Buch, das irgendwie jetzt sagen möchte, wir schützen uns zu viel. Es ist ein Buch, das drüber hinausblickt und darum kreiste immer die Diskussion mit den Schülerinnen und Schülern - zu sagen: Na ja, was kommt danach? Und wie gehen wir mit der nächsten Pandemie um? Und war es richtig, die Schulen zuzumachen? Ist es richtig, dass wir jetzt in diesem Raum sitzen? Es waren sehr aktuelle Diskussionen. Aber das Buch wurde auch ziemlich klar immer als Dystopie wahrgenommen, also als Buch, das in der Zukunft spielt, nicht als Gegenwartshandlung. Und das hat auch die Diskussion, glaube ich, mit den Schülerinnen und Schülern erleichtert.

L: Ihr erstes und letztes Kapitel heißt ja tatsächlich auch „Danach“. Und mir ist es beim Lesen auch so gegangen, dass ich mir dachte, eigentlich ist es gut, mal daran erinnert zu werden, dass wir jetzt quasi im Dazwischen leben, denn es wird immer gesagt Vor der Pandemie - Nach der Pandemie. Und im Moment haben wir es quasi in der Hand, in welche Richtung man gehen will. Und auch da aktiv mitzugestalten. Dass man eben nicht Cleanland-ähnliche Szenarien mitentwickelt, sondern sich dann eher wieder Richtung Sicklands bewegt, quasi dem Pendant, unserem ehemaligen Leben vor der Pandemie. Und das ist wirklich etwas, das es für mich auch zu einem besonderen Leseerlebnis gemacht hat. Und wie Sie gerade das mit den Masken im Klassenzimmer angesprochen hatten... ich habe das Buch auf einer Zugfahrt gelesen und hatte auch die Maske auf. Und auch immer Hände desinfiziert nach der Toilette und solche Sachen. Und das wird einem dann wirklich gruselig realistisch könnte man sagen.

MS: Ja, ich glaube, das überrascht einen. Man merkt ja selbst auch, wenn man Abstand hält, wie man Menschen aus dem Weg geht. Und hier im Buch gibt es dann Szenen, wie zum Beispiel auch die Protagonistin in einen Stadtteil geht, bei dem es noch so kleine Gehwege gibt, also ganz normale Gehwege, wie sie heute sind. Nur in Cleanland muss natürlich der Gehweg viel breiter sein, damit man Abstand halten kann. In den alten Wohnviertel ist es nicht möglich. Da wird man dann über die Controller – so ne Smartwatch – gewarnt, dass Kinder entgegenkommen und dass man sich deswegen mit dem Körper zur Wand drehen soll, damit die Kinder an einem vorbeikommen, weil der Abstand sonst nicht eingehalten werden kann. Also ganz viele kleine Anspielungen sind da drin. Gerade die Szene habe ich wirklich mit meinen eigenen Kindern erlebt, wie wir zu Beginn der Pandemie - das war noch im Schreibprozess - unterwegs waren und dann Menschen die Straßenseite gewechselt haben, weil ich mit Kindern entgegenkam. Die Kinder wurden wahrscheinlich so als potenzielle Virenbomben wahrgenommen, sodass man ihnen fast schon sprunghaft aus dem Weg gehen musste, was sicherlich auch nicht ganz ungefährlich war bei der befahrenen Straße. Aber das zugespitzt floss natürlich auch in das Buch ein.

L: Und könnten Sie zum Abschluss vielleicht den Satzanfang vervollständigen? Das Buch Cleanland ist für mich deshalb besonders,...

MS: Weil es in einer sehr schwierigen Zeit für uns alle geschrieben wurde. Und ich damit hoffen kann davor zu warnen, dass Cleanland ein Buch bleibt und nicht Realität wird. Ja, das war ein Satz mit ein paar Nebensätzen, glaub ich, aber das war ja erlaubt, das Kleingedruckte habe ich jetzt nicht gelesen, aber ich denke, ich durfte das machen.

L: Total erlaubt! Und im Buch verabschieden sich die Menschen ja quasi immer mit der Formel „Achtet die GaR“ (die Gesetze der absoluten Reinheit) und dann antwortet die andere Person „Bleiben Sie gesund“. Und das soll jetzt nicht so sehr nach der Verabschiedung im Buch klingen, aber ich wünsche Ihnen alles Gute, dass Sie gesund bleiben - und ich würde mich freuen, wenn ich Sie im Oktober bei der Messe vielleicht analog kennenlernen kann.

MS: Sehr gerne. Da freue ich mich auch drauf. Danke für das Gespräch und für die Fragen!

 


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