Interview mit Jo Witek

J’ai 14 ans et ce n’est pas une bonne nouvelle

über ihr Buch J’ai 14 ans et ce n’est pas une bonne nouvelle

 

Wir stellen Ihnen Jo Witek vor, eine der nominierten Autorinnen der Shortlist 2021, die wir über ihr Buch „J’ai 14 ans et ce n’est pas une bonne nouvelle“ befragt haben. Das Interview wurde von Marie Hornek auf Französisch geführt. Die Übersetzung finden Sie weiter unten.

 

Interviewerin Marie HornekMarie Hornek wuchs zweisprachig in Tuttlingen auf und studiert nun die Geschichte, Kultur und Literatur Deutschlands und Frankreichs an der Universität des Saarlandes sowie der Université de Lorraine. Mit fünf Kommilitoninnen hat sie das deutsch-französische Kinderbuch „Wie das Chamäleon sein Talent gefunden hat” geschrieben.

 

Die Übersetzung des Interviews

 

Marie (M): Sie veröffentlichen dieses Jahr den Roman J’ai 14 ans et ce n’est pas une bonne nouvelle. Es geht um ein Mädchen, deren ganzes Leben auf den Kopf gestellt wird, als sie für die Sommerferien in ihr Dorf zurückkehrt. Efi erzählt in der ersten Person, wie ihre Träume und ihre Zukunft durch eine Ehe – eine Zwangsehe – mit einem ihr unbekannten Mann zertrampelt werden. Sie spricht über die alten Traditionen, die vorgegebene Rolle der Frau, die Ohnmacht gegenüber den Entscheidungen ihres Vaters, ihre Gefühle von Wut, Angst, Unverständnis... Doch Efi findet sich nicht mit ihrem Schicksal ab. Sie lehnt sich auf gegen dieses System, in dem die Stimme und der Wille der Frauen nicht berücksichtigt werden. Warum haben Sie sich für dieses Thema entschieden? Sind Zwangsheiraten nicht bloß alte Geschichten?

Jo Witek (JW): Leider nicht Marie... Ich wünsche, es wäre so. Es ist seltsam, wie die Idee zu einem Roman entsteht. Zuerst war es ein Freund, der mich eingeladen hat für das Theater zu schreiben und ich würde gerne für das Theater schreiben, aber ich habe große Angst für das Theater zu schreiben, also bleibe ich beim Roman. Er sagte zu mir: „Ich gebe dir sogar die Idee, warum nicht ein junges schwangeres Mädchen, das einem Monolog sprechen würde...“. Aber ich war dagegen, ich habe bereits über frühe Schwangerschaften geschrieben. Ich möchte in einem Teil meiner Arbeit dem Schweigen der Frauen eine Stimme geben. Gleich danach ließ mich etwas nicht los, und ich hatte diese Sätze, diese Reihe von Sätzen, die zu mir kamen: Ich bin 14 Jahre alt und das ist keine gute Neuigkeit, ich bin ein Mädchen und das ist keine gute Neuigkeit, man wird mich verheiraten und das ist keine gute Neuigkeit. Das sind die drei Sätze, die als erstes zu mir kamen und die mir mein Thema eigentlich aufgedrängt haben. Ich habe dann mit Recherchen zum Thema angefangen. Ich hatte den Eindruck, dass ich bereits einiges über die Problematik von Zwangsheiraten wusste, die, ich möchte es betonen, ein weltweites Problem sind. Und in der Tat war ich entsetzt, als ich mir die Zahlen ansah, die zu dieser Thematik veröffentlicht wurden: 12 Millionen junge Mädchen, minderjährige Mädchen, werden jedes Jahr zwangsverheiratet. Das sind derzeit etwa 750 Millionen Frauen auf unserer Erde, die zwangsverheiratet worden sind. Es war monströs und ich dachte: Hier gibt es definitiv ein Thema. Also stellte ich mir die Frage „Wie?“: Wie erzählt man sowas? Oft wird die Zwangsheirat aus autobiografischer Sicht erzählt, in Form von Erzählungen von Frauen, die ihn entkommen sind oder die sie als Zeugin miterlebt haben. Mit welcher Legitimation konnte ich über ein solches Thema schreiben? Und auch noch die Frechheit besitzen, die Geschichte in der ersten Person zu erzählen. Ich bin das Wagnis eingegangen in der Ich-Form zu schreiben. Deshalb ist die Geschichte in der ersten Person geschrieben. Der Vorschlag, den ich dem Leser machen wollte, ist in die Haut eines jungen Mädchens zu schlüpfen, das 14-15 Jahre alt ist und in diese Ehe, in diese Tradition, in diesen Brauch hineingezogen wird, der ihr Leben nimmt, der ihr ganzes Leben nimmt, der ihre Seele und ihren Körper stiehlt. Dies ist der Vorschlag, den ich mit diesem Buch gemacht habe. Und für die Jüngsten wollte ich wirklich, dass die Jugendlichen dieses Thema in die Hand nehmen. Ich wollte sie einladen, sich zu informieren, denn ich denke das ist der einzige Weg. Ich mag es sehr im Bereich Dokumentar zu arbeiten, ihn in Fiktion zu verwandeln, um dann den Leser dazu einzuladen, aus sozialen Fakten eine Geschichte zu machen. Das mache ich wirklich gerne.

M: Wie haben Sie sich informiert? Sind Sie gereist, haben Sie Opfer von Zwangsheiraten getroffen bevor Sie mit dem Schreiben angefangen haben?

JW: Nein. Also zum Beispiel, als ich über die Tochter einer Prostituierten geschrieben habe, wollte ich nicht die Tochter einer Prostituierten treffen. Und hier wollte ich mich nicht direkt mit einer jungen Frau treffen, der das passiert ist. Denn unweigerlich – ich habe großen Respekt vor der Person, die ihre Geschichte erzählen wird – und unweigerlich wird die Person hoffen, dass ich ihre Geschichte schreibe und nicht eine andere. Und mit diesem Buch wollte ich keine dokumentarische Arbeit machen. Das mache ich schon zu anderen Zeiten, ich liebe es. Aber dieses Buch war eine literarische Arbeit, also wollte ich die Form hinterfragen; ich wollte diese Familie, die ich erschaffen hatte, hinterfragen; ich wollte meine Geschichte eben nicht einem Platz zuordnen, denn diese Praxis, die es seit Urzeiten gibt und leider bis heute fortbesteht – das Verheiraten, das Leben junger Mädchen zum Vergnügen der Männer, also als Ware, wir verheiraten ein Mädchen, wie wir ein Mädchen verschenken in der Tat, wir verschenken sie – das passiert überall auf der Welt. Also wollte ich meine Geschichte nicht geolokalisieren. Manche Leute, die den Roman lesen, denken es ist in Afrika. Manche denken es ist im Nahen Osten, manche denken, es ist in Indonesien. Es könnte überall sein und es ist überall, denn es ist ein globales Phänomen.
Um all das zu tun, um diesen Bruder zu erfinden, der in der Geschichte wichtig sein wird, um die Kulisse und die Familie meiner Heldin zu erfinden, habe ich also keine direkten Erfahrungsberichte verwendet. Aber ich habe viel gelesen. Ich las Berichterstattungen von Menschen, die diese jungen Mädchen in verschiedenen Ländern der Welt aufnehmen. Zum Beispiel gibt es eine schreckliche Transporter-Szene, sie wird wie ein Tier nach Hause gebracht, das habe ich in einem Essay gelesen. Ein junges Mädchen wurde wie eine streunende Ziege an einem Transporter gebunden und gewaltsam zurückgebracht. Es gibt viele Elemente in dem Roman, die wirklich... Ich habe nichts erfunden und es existiert. Ich erzähle eine Geschichte, die auf Grundlagen basiert, die leider wahr sind.

M: Ich habe den Anfang des Buches mehrmals gelesen, weil ich nicht herausfinden konnte wo es spielt. Normalerweise gibt es in Büchern immer eine Einführung, es findet an diesem Ort statt. Ich habe auch die Umschlagrückseite gelesen, wo Sie es präzisieren…

W: Ja, so ist es. Ich wollte auch eine bestimmte Form des Märchens verwenden, es ist eine Art „Es war einmal... irgendwo“. Und dieses „irgendwo“ enthält vieles... Es gibt Bäume. Es gibt immer Bäume im Leben von jungen Mädchen, das wird gesagt. Es gibt auch Sonne, aber sie ist überall. Ich wollte, dass es auf dem Land stattfindet und nicht in der Stadt. Sie verlässt die Stadt, wo sie in die Schule geht, um zurück ins Dorf zu kehren, aufs Land, aber dieses Dorf könnte indisch, nordafrikanisch, südafrikanisch, südamerikanisch sein... Man spürt die Armut, ich wollte dem Ganzen eine soziale Dimension geben. Die Traditionen werden sehr respektiert, zumal es nichts anderes gibt. Diese uralten Traditionen sind also auch ein Reichtum, die sich nur schwer entwickeln können, weil es auch keine Schule gibt. Die nächste Schule ist 40km entfernt. Und sie ist privilegiert, weil sie zur Schule geht. Weil ihre Mutter es geschafft hat, sich bei ihrem Mann durchzusetzen und zu sagen: „Sie ist begabt, sie soll mindestens bis zur 9. Klasse, bis zur 8. Klasse gehen.“

M: Ja, sie ist die einzige von ihren vielen Geschwistern, die das Glück hat in die Schule zu gehen.

JW: Sie ist die einzige. Ich folge den NGO Plan International sehr genau und sie haben ziemlich viele Veröffentlichungen darüber, dass oft, wenn man jemanden aus der Familie auswählt, der studieren darf, also kurz studiert, der zur Schule geht, oft sind es die Jungs, die ausgewählt werden, seltener sind es die Mädchen. Wir müssen also wirklich überall auf der Welt für Mädchen in der Schule kämpfen. Wir wissen, dass es ein Größenvektor des Fortschritts für die Rechte der Frauen ist.

M: Im Roman sprechen Sie über Efis Traum Ingenieurin zu werden, um die Lebensbedingungen der Menschen auf dem Land zu verbessern, denn sie selbst ist ohne Telefon, ohne WLAN, ohne Strom aufgewachsen. Das ist für uns undenkbar.

JW: Ja genau. Wir vergessen, dass um philosophieren zu können, um über die Welt und über eine bessere Gesellschaft nachdenken zu können, muss man erstmal nicht an Hunger leiden! Und man muss auch Zeit zum Nachdenken haben. Das ist auch oft das Problem. Ich habe mir zum Beispiel das Telefon und die Internetabdeckung in bestimmten Regionen der Welt angesehen, wir sind noch weit davon entfernt. Es gibt also Telefone, die Menschen haben die Ausstattung, aber sie haben kein Netz. Es gibt überhaupt keinen Strom. Man befindet sich also in einigen Teilen der Welt immer noch in einer gewissen Form des Mittelalters. Man ist mit der Frage beschäftigt was man essen wird und wie man zwei Stunden Licht erzeugen wird. Ich habe auch gelesen, dass in manchen Elendsvierteln, in Südamerika zum Beispiel, junge Mädchen Angst haben zu urinieren, weil es keine Toiletten gibt. Sie riskieren ihr Leben, sie riskieren vergewaltigt zu werden, wenn sie auf die Toilette gehen. Wir Europäer und Westländer vergessen, dass wir uns in einem Komfort befinden, der das Denken ermöglicht. Und wir sehen, dass erst heute die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen im Westen langsam relativ gut zu sein beginnt und selbst hier haben wir noch nicht gewonnen. So kann man sich vorstellen wie es ist in den Regionen der Welt, wo es noch ums Überleben geht, wie ein Dach über dem Kopf zu haben, einen Job zu haben, genug zu essen zu haben. Selbstverständlich darf man nicht einfach über sie urteilen und sagen: „Nun, eure Traditionen sind archaisch.“ Deshalb sage ich, dass es systemisch ist und im Buch versteht man es ein bisschen. Ingenieurin zu sein ist also auch ein volles Programm für sie bedeutet es ihrem Land Technologie zu bieten, Arbeit, eine nachhaltige Wirtschaft. Es bedeutet all das. Und am Ende ist alles miteinander verbunden: eine nachhaltige Wirtschaft, Respekt für die Ökologie und die Selbstverwirklichung der Frauen und der Männer, in einem perfekten Gleichgewicht. Alles ist verbunden! Und ich habe versucht etwas davon in den Roman zu packen. Darum geht es in dieser Geschichte.

M: Sie glauben also, dass Bildung für Mädchen und Jungs der Schlüssel ist, um die Mentalitäten zu verändern und die Ketten der Gewalt gegen Mädchen zu durchbrechen?

JW: Unvermeidlich. Ich treffe viele Frauen aus verschiedenen Kulturen. Ich mag diese Diskussionen unter Frauen sehr und in diesen Kreisen wird es überall gesagt, alle Frauen sagen es. Eine Frau erzählte mir in einem Gespräch, sie war Muslima, sie erzählte mir, dass ihre Großmutter Analphabetin war, sie konnte zum Beispiel den Koran nicht lesen. Sie erinnerte mich an dies. Und heute sagt sie: „wir Frauen, wir lesen, wir studieren, und wir werden in der Lage sein, zum Beispiel über diese geerbte Religion nachzudenken und unseren Senf dazu zu geben.“ Ich spreche von der Religion, aber das gilt auch für nicht-religiöse Kulturen. Aber je mehr Frauen sich aufdrängen und je mehr Frauen über das Frau-Sein nachdenken, desto mehr werden Frauen ihre Jungen und Mädchen als gleichberechtigt erziehen. Und auch die Männer, indem sie die Mädchen und Jungen gleich behandeln, entwickeln sich weiter. Wir sehen es überall. Ich besuche oft Schulen mit meinen Romanen, oder auch mit meinen Alben für Kleinkinder und es ist ganz klar, dass wir immer noch dazu neigen das Selbstbewusstsein von Jungen mehr zu fördern als das von Mädchen. Als Mutter ist es mir auch passiert, ich habe mir gedacht: „Warum sage ich das zu meinem Sohn, warum kann er nicht mit Puppen spielen?“ Ich hatte mir diese Frage gestellt. Heute spielt man „den Papa“, die Jungs spielen den Papa. Sie spielen nicht „die Mutter“, sondern sie imitieren ihren Vater, der sanfte Gesten für die Babys hat. All dies ist eine echte Revolution, die stattfindet, und sie ist sehr langsam. Aber ich denke es beschleunigt sich. Die Gleichberechtigung der Geschlechter hat sich in letzter Zeit, in den letzten fünf Jahren, mit einer echten Redefreiheit beschleunigt. Deshalb ist es so wichtig junge Menschen an diese Themen heranzuführen, sie einzuladen Teil dieser Kämpfe zu sein.

M: Sie sprechen von Jungs und Mädchen. Empfehlen Sie das Buch auch für Jungs?

JW: Für mich ist Literatur nicht geschlechterspezifisch. Außerdem sagen Eltern oft: „Schade, es ist ein Mädchen, dabei hast du einen männlichen Helden“ und oft ist es umgekehrt, es ist ein Junge, du hast ein Mädchen. Seit Anbeginn der Zeit haben wir uns Mädchen komplett mit männlichen Helden identifiziert, denn in der Literatur gibt es oft sehr männliche Helden. Und ich sehe es mit diesem Roman, wie auch mit dem Roman Une fille de… das über die Tochter einer Prostituierten erzählt und die Begegnungen, die ich rund um J’ai 14 ans et ce n’est pas une bonne nouvelle hatte: Jungs greifen es auf und reagieren sehr positiv auf dieses Buch. Eine Figur, die in diesem Buch wichtig ist, ist Âta, der Bruder meiner Heldin, der eine sehr wichtige Rolle in diesem Roman spielen wird. Ich möchte die Geschichte des Romans nicht verraten, also werde ich nicht zu viel sagen, aber es ist sehr wichtig. Er ist ein Junge des 21. Jahrhunderts, wirklich. Und er will auch dafür kämpfen, dass es diese Art von Ehe in seinem Dorf nicht mehr gibt. Denn auch Jungs sind Opfer davon, das sollten wir nicht vergessen. Es sind nicht nur die Mädchen.

M: Man kann sehen, wie er sich von seinem Vater abgrenzt.

JW: Ja, er will raus aus dieser absoluten Männerherrschaft, diesem Patriarchat, das einsperrt, das eigentlich jeden einsperrt. Und viele Jungs sind Opfer des Patriarchats. Vielleicht reden wir nicht genug darüber, aber die männliche Herrschaft hat viele Männer sehr unglücklich gemacht. Ich denke, dass diese Jungs, die sagen: „Ich erkenne mich in meinem Vater, meinem Onkel oder meinem Großvater nicht wieder“, heute wichtig sind. Und ihre Worte sind für Mädchen sehr wichtig.

M: Und zum Schluss: Haben Sie eine Botschaft an die französische und deutsche Jugend?

JW: Ich freue mich, dass dieser Roman ausgewählt wurde, dass er zu ihnen gebracht wird. Ich hoffe sie werden ihn mit Vergnügen lesen, und ich hoffe er wird ihnen gefallen. Ich freue mich sehr, dass dieser Roman ausgewählt wurde. Er ist wichtig für mich.

M: Danke, Ihr Roman hat mir sehr gut gefallen. Ich empfehle es jedem und bis bald!

JW: Vielen Dank, viel Spaß beim Lesen!


 


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