Interview mit Rachel Corenblit

Les enfants du Lutetia

über ihr Buch Les enfants du Lutetia

 

Wir stellen Ihnen Rachel Corenblit vor, eine der nominierten Autorinnen der Shortlist 2021, die wir über ihr Buch „Les enfants du Lutetia“ befragt haben. Das Interview wurde von Lylou Moulin auf Französisch geführt. Die Übersetzung finden Sie weiter unten.

 

Interviewerin Lylou MoulinLylou Moulin ist eine französische Studentin mit einer Leidenschaft für das Lesen. Sie freut sich stets, neue Wege einzuschlagen und spannende Entdeckungen zu machen. Mit fünf Kommilitoninnen hat sie das deutsch-französische Kinderbuch „Wie das Chamäleon sein Talent gefunden hat“ geschrieben.

 

Die Übersetzung des Interviews

 

Lylou (L): Schön, Sie kennenzulernen und danke, dass Sie sich Zeit für ein kleines Gespräch, ein kleines Interview nehmen. Ich fange mit einer kleinen Zusammenfassung des Buches an. Die Geschichte spielt im Sommer 1945 nach dem Ende des Krieges. Die Hauptfigur ist Leopold Talher, ein Kind, dass den Krieg bei einer Freundin der Familie, Juliette, verbracht hat, weil die Familie jüdisch ist und seine Eltern ihm so beschützen wollten. Am Ende des Krieges fährt er mit Juliette nach Paris, um nach seinen Eltern zu suchen. Er geht also zum Hotel Lutetia, wo er drei andere Kinder trifft: Marie-Antoinette, André und Michel. Auch sie suchen nach ihren Eltern. Sie alle befinden sich in einer ähnlichen Situation, obgleich sie eine andere Vergangenheit und Geschichte haben. Sie lernen sich kennen und lernen mit der Hoffnung, der Verzweiflung und das Warten auf die Eltern umzugehen. Dieses Buch wurde für den Deutsch-Französischen Jugendliteraturpreis nominiert.
Ich habe eine erste Frage: Warum haben Sie sich entschieden, über die Shoah zu schreiben?

Rachel Corenblit (RC): Ich denke, es ist ein wichtiges Thema für mich, nicht dass ich immer darüber schreiben würde, aber es ist wahr, dass es ein wiederkehrendes Thema in meiner Arbeit ist. Ich denke, es hat mit meiner Familiengeschichte zu tun. Ich komme aus einer jüdischen Familie. Meine Familie waren Russen, die in den 1930er Jahren nach Frankreich immigriert sind. Sie versteckten sich im Vercors, in der Region um Grenoble, und konnten so dem Krieg entkommen. Meine Großmutter, die einen unglaublich russischen Akzent hatte und mit einem rollenden „r“ sprach, erzählte mir immer, wie sie dem Krieg entkommen waren. Es ist diese ganze Mythologie, diese Familiengeschichte, die mich regelrecht gerufen hat. Ich weiß, dass auf der Seite meiner Großmutter und meines Großvaters viele Menschen während der Shoah gestorben sind. Ich habe die Geschichte, die ich hier erzähle, nicht direkt erlebt, es ist keine echte Familiengeschichte, es ist die Brutstätte meiner Kindheit. So fallen mir die Geschichten natürlich ein. Für eine meiner ersten literarischen Arbeiten, ich war damals 16 Jahre alt und ging zur Schule, hatten wir zusammen mit einer Freundin ein Theaterstück geschrieben, das die Geschichte von Menschen erzählte, die sich während eines Bombenangriffs versteckt hielten, jüdische Menschen. Ich denke, das ist ein roter Faden.

L: Da es ein bisschen eine „persönliche Geschichte“ ist, kann man in den Figuren Charaktere oder Eigenschaften von Ihren eigenen Großeltern oder Familienmitglieder wiederfinden?

RC: Nein, das ist die Kunst des Schreibens. Ich denke, beim Schreiben geht es darum, von dem auszugehen, was man ist, und sich davon zu entfernen. Ansonsten, wenn es nur um persönliche Geschichten ginge, Geschichten, in denen man über sich selbst spricht, wäre das uninteressant, das ist nicht das Ziel. Das Ziel ist es, in einer Fantasiewelt zu sein und alles selbst auszumalen.

L: Was ich in Ihrem Buch sehr interessant fand, ist, dass die Sichtweise der Kinder eingenommen wird, was in Büchern nicht oft der Fall ist. Und da es sich an junge Leute richtet, ist es eine echte Bereicherung. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass die Geschichte aus der Sicht von Kindern erzählt werden sollte?

RC: Ich weiß es nicht! (lacht) Das ist keine Antwort. Das ist das Geheimnis der Entstehung. In der Tat gibt es Geschichten mit langer und kurzer Laufzeit. Langfristige Geschichten sind Themen, über die man sprechen möchte, man weiß nur nicht, wie man sie angehen soll. Und dann gibt es Geschichten, die sich ganz plötzlich ergeben und offensichtlich sind, mit Charakteren, die sich durchsetzen. Für Les enfants du Lutetia war es ein bisschen so. Es ist eine Geschichte, die selbstverständlich war. Letztlich ist es vor allem dieses Bild, das Cover des Buches gibt es sehr gut wieder. Ich hatte diese Fotowand im Kopf, was in der Lobby des Lutetia hing, mit diesen vermissten Menschen und den Menschen, die auf die Rückkehr ihrer Lieben warteten und ich wollte aus der Sicht der Kinder und Jugendlichen darüber sprechen. Wie kann man das Fehlen, den Schmerz ausdrucken? Es wird aus einer Erwachsenensicht sehr oft aufgearbeitet. Es ist wahr, dass die Kinderperspektive weniger vorhanden ist.
Ich sage „Ich weiß es nicht“, aber ich weiß es trotzdem, weil es ein Thema ist, worüber ich sprechen wollte.

L: Das ist ein Thema, worüber Sie sprechen wollten. Sie haben also versucht, sich vorzustellen, wie die Kinder diese Situation durchgelebt haben? Haben Sie auch in Archiven nach Informationen gesucht, oder haben Sie historische Stätten besucht?

RC: Eigentlich kommt das Wissen, das ich habe, vom Lesen, von den Filmen, die ich gesehen habe. Das hat mich sehr inspiriert. Es ist der Nährboden für mein Schreiben. Ich habe keine besonderen Recherchen über die Lutetia angestellt, nein. Recherchen sind nicht unbedingt notwendig, um nahe an der Wahrheit zu sein und die Wahrheit ist die Wahrheit der Kinder. Es war nicht nötig sehr präzise zu sein. Es war vor allem notwendig, sich in die Gefühle dieser Kinder hineinzuversetzen und sich von der doch sehr kalten Geschichte loszulösen.

L: Ich fand es auch interessant. Es trug zu der emotionalen Seite bei, vielleicht fühlt man sich mit den Figuren dadurch mehr verbunden. Wir folgen der Geschichte mit ihnen und verfolgen die Fortschritte der Recherchen. Warum das Hotel Lutetia? Natürlich ist es sehr symbolisch, aber es gibt andere Orte, die genauso symbolisch sind, warum gerade dieser?

RC: Als ich 16 Jahre alt war, habe ich viel recherchiert. Ich habe viele Filme über die Shoah gesehen, Eli Wiesel, Primo Levi, und tatsächlich ist das Hotel Lutetia ein wichtiger Ort in Frankreich. Es ist ein Symbol für die Rückkehr der Deportierten. Es geht darum, die Kinder in dieses Umfeld zu bringen, dass ein Erwachsenen-Umfeld ist. Deshalb habe ich diesen Ort gewählt, der ein Ort des Kampfes ist. In dem Hotel wurden während des Krieges Menschen von den Deutschen gefoltert. Dieser Ort ist ein Paradox zwischen Ort der Folter und Ort der Wiedergeburt. Ein Ort der Rückkehr und der Aufnahme.

L: Im Roman gibt es auch eine musikalische Seite mit André, der Klavier spielt, was den Überlebenden eine Art von Ruhe und Gelassenheit bringt. Haben Sie gelesen, gehört oder in Filmen gesehen, dass es solche Momente nach dem Krieg gab und haben Sie sich davon inspirieren lassen?

RC: Die Idee war, dass jedes Kind einen unterschiedlichen Bezug zum Krieg hat. Marie-Antoinette zum Beispiel: Ihr Bezug zum Krieg ist die Magie, denn ihre Eltern waren Magier, Zauberer. André hat diese unglaubliche Gabe, ein Musiker zu sein und das hat ihn am Ende geschützt. Es ist ein bisschen wie seine Blase, so wie die Magie Marie-Antoinette beschützt hat. Was Léopold schützte, war Juliettes Liebe, und für Michel war es die Stärke seiner Mutter, die verhaftet wurde, weil sie Widerstandskämpferin war. So gelingt es, für jedes dieser Kinder einen Sinn für ihr Leben zu finden. Dadurch können sie auch Überlebende sein. Weil sie Überlebende sind. Und jeder von ihnen hat eine besondere Gabe. Und um Ihre Frage nach der Musik zu beantworten, antworte ich so, denn es sind Bestandteile ihres Charakters und ihrer Geschichte.

L: Ich denke, es wird ziemlich genau die gleiche Antwort sein, aber ich bin trotzdem neugierig. In Bezug auf die Magie von Marie-Antoinette: Kennen Sie eine ähnliche Geschichte, oder haben sie sie komplett erfunden, dass ihre Zuflucht die Magie war und sie dank der Magie mit dem Koffer aus dem Lager fliehen konnte?

RC: Marie-Antoinette ist die Figur, bei der ich mir die meisten Freiheiten erlaubt habe, denn sie wurde mit ihren Eltern verhaftet, sie wurde nach Drancy gebracht, und wir wissen, dass es nur wenige Kinder gab, die von der Razzia des Wintervelodroms zurückkamen. Sie kommt dank ihres Vaters und eben dank der Magie da raus, deshalb überlebt sie. Schließlich ist es DIE Figur, die nicht wirklich in die historische Handlung passt, aber ich denke, wir haben schließlich das Recht in einen Roman einzutauchen und nicht unbedingt nur in eine strenge Erzählung von allem was passiert ist.

L: Ich habe eine letzte, eher globale Frage. Was möchten Sie Ihren Lesern mit auf den Weg geben, wenn sie dieses Buch lesen?

RC: Eigentlich möchte ich nicht, dass sie sich an etwas erinnern, sondern dass sie fühlen. Sie sollen diese Schicksale fühlen mit Schmerz und Freude - Schmerz und Freude können gemischt werden - und dass Überleben das ist. Leben bedeutet, dass man am Ende akzeptiert Schmerz und Freude zu verbinden, das Beste daraus zu machen, sein Schicksal daraus zu gestalten. Im Endeffekt geht es nur um Gefühle.

L: Die Antwort gefällt mir, denn so habe ich mich am Ende auch gefühlt. Ich habe mir nicht gedacht „Ich habe etwas gelernt“, sondern wirklich „Ich habe gefühlt“, also passt es gut. Ihr Ziel wurde erreicht, zumindest bei mir! (lacht)

RC: Dann danke ich Ihnen dafür! (lacht)

L: Gibt es irgendetwas, was Sie noch zum Buch sagen möchten?

RC: Eigentlich ist es immer „emotionnierend“, nein dieses Wort gibt es nicht (lacht). Es ist immer emotional zu sehen, wie ein Buch seinen Weg macht, Leser trifft und an diesem Preis teilnimmt. Für mich ist es eine Ehre und eine große Freude, weil es für mich nicht ohne Bedeutung ist, Deutschland ist etwas für mich. Es gibt darunter eine Idee von Frieden, die für mich über all das hinausgeht und das finde ich großartig.

 


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