Interview mit Gaël Aymon

Silent Boy

über sein Buch Silent Boy

 

Wir stellen Ihnen Gaël Aymon vor, einen der nominierten Autoren der Shortlist 2021, den wir über sein Buch Silent Boy befragt haben. Das Interview wurde von Marie Meyer auf Französisch geführt. Die deutsche Übersetzung finden Sie weiter unten.

 

Interviewerin Marie MeyerMarie Meyer ist eine französische Studentin, die von Kunst und der deutschen Sprache begeistert ist. Sie entdeckt gerne neue Kulturen, sei es durch Begegnungen mit anderen Personen oder durch Museumsbesuche.

 

Die deutsche Übersetzung des Interviews

 

Marie (M): Guten Tag!

Gaël Aymon (GA): Guten Tag!

M: Wir wollen heute über Ihr Buch Silent Boy sprechen, können Sie die Geschichte für uns kurz zusammenfassen?

GA: Silent Boy ist die Geschichte eines 16-jährigen Jungen namens Anton, der Internatsschüler an einem Gymnasium auf dem Land ist, einem sehr schwierigen Gymnasium auf dem Land. Er ist Teil des Rugbyteams und gehört zu den beliebten Schülern, wie wir in Frankreich sagen. Er tendiert aber dazu, nie den Mund aufzumachen und keine Partei zu ergreifen, um auf diese Weise Ärger zu vermeiden. Er sieht sich mit seiner Wahl, zu schweigen, konfrontiert, als sein neuer Mitbewohner im Internatszimmer in Schwierigkeiten gerät. Er führt eine Art Doppelleben, denn eigentlich verhält er sich nachts ganz anders, wenn er ein Forum für Jugendliche im Internet besucht, wo er sich mit ganz anderen Jugendlichen austauscht, als diejenigen, die er tagsüber kennt. Die Schizophrenie seiner Situation ist nicht sehr lange haltbar.

M: Vielen Dank. Und wer ist die Zielgruppe dieses Buches, das relativ kurz ist?

GA: Das ist eine Bücherreihe, die dieses Jahr von dem Verlag „Éditions Nathan“ gestartet wurde. Das Ziel dieser Reihe ist, schwache Leser, wie man sagt, zum Lesen zu bringen, also Menschen, die wenig lesen. Das sind Romane, die man ab 14 Jahren lesen kann, wie wir in Frankreich sagen, also ab der 8. Klasse. Das Prinzip dieser Bücherreihe ist, dass die Bücher sehr kurz sind, man kann sie innerhalb einer Stunde lesen, ob als Papierversion, als digitale Version oder als Audioversion. Die Audioversion von Silent Boy habe ich selbst eingelesen. Die 3 Versionen sind durch das Scannen der ersten Seite durch eine App des Verlags zugänglich. Es ist also ein 3-in-1, sehr kurz, mit einer sehr dichten Geschichte. Das ist das Prinzip der Bücherreihe. Und wie immer in der Jugendliteratur, sie ist für Jugendliche zugänglich, aber sie ist weder für Jugendliche reserviert noch für Erwachsene verboten, alle Erwachsenen sind willkommen, wenn sie nicht allergisch auf das Jugendalter sind, oder wenn sie es nicht um jeden Preis vergessen wollen!

M: Es gibt einige Besonderheiten bezüglich des Schreibstils in diesem Buch. Das Forum wird hervorgehoben, es wird nicht in Sätzen beschrieben, sondern es wird als Tabelle dargestellt. So sieht man wirklich das Forum auf den Bücherseiten. Warum haben Sie sich dafür entschieden? Warum nicht einfach über das Forum erzählen, sondern es wirklich im Buch existieren lassen?

GA: Weil wir hier einen Roman haben, der in der ersten Person erzählt wird. Man taucht wirklich in den Kopf von Anton ein, was übrigens sehr wichtig ist, um sich mit ihm identifizieren zu können, denn er ist ganz anders als der typische Leser, denke ich. Und so kann der Leser den Charakter und seine Verhaltensweise besser verstehen, auch wenn er sehr weit entfernt von der eigenen Persönlichkeit ist. Wenn Anton ins Forum geht, geht man mit ihm. Man sieht also den gleichen Bildschirm wie er. Man ist nicht auf WhatsApp oder Snapchat oder so was, es ist etwas Altmodisches, etwas old-school, aber es existiert wirklich. Dies sind Foren, die für jeden zugänglich sind, man muss kein Mitgliedsprofil anlegen. Oft wurde mir gesagt: „So ein wohlwollendes Forum gibt es nicht, das ist idealisiert“. Ich habe vor dem Schreiben recherchiert und festgestellt, dass es sie wirklich gibt, auch mit Moderatoren, die drüberschauen und ein Ausufern verhindern. Die Idee ist, in einem sehr kurzen Format wie diesem, in ein Universum, das nicht unseres ist, einzutauchen. In den Kopf von jemandem katapultiert zu werden, und dabei gleichzeitig neue Dinge zu entdecken und dort gefangen zu sein. Denn es ist nicht unbedingt angenehm, im Kopf dieses Jungen zu sein.

M: Es ist klar, dass das ziemlich verstörend ist. Offensichtlich haben Sie sich dazu entschieden, das Buch nicht auf die klassische Art zu schreiben, sondern so, wie die Hauptfigur Anton sprechen würde. Wir haben es also mit kleinen französischen Fehlern zu tun, wie sie Jugendliche machen. Ist es eine Entscheidung, die Sie getroffen haben und die in der gesamten Bücherreihe vorhanden ist, oder kommt sie nur in diesem Buch vor?

GA: Jeder Autor der Bücherreihe ist frei in seinem Stil. Es ist also wirklich keine Verpflichtung. Das ist etwas, was in der Jugendliteratur oft gemacht wird. Die Sprache ist besonders grob und ein bisschen gewalttätig, weil ihre Welt so ist, aber es ist immer noch geschummelt. Es ist immer noch eine literarische Übung, denn das Ziel ist, den Leser glauben zu lassen, dass die Sprache spezifisch für die Jugendlichen ist. Wenn ich aber schreiben würde, wie man in der Schule spricht, wäre es in Wirklichkeit unlesbar. Es ist also wirklich eine Übung, es aussehen zu lassen, als wäre es „real“, während in Wirklichkeit die Jugendlichen nicht so sprechen könnten, es ist in Wirklichkeit eine sehr geschriebene Sprache. Es ist wirklich schwer hinzukriegen, dass es fließt, dass man den Text auf eine natürliche Art und Weise vorlesen kann, dass es natürlich klingt, obwohl es das in Wirklichkeit nicht ist. Es ist immer noch eine Verschriftlichung von Gedanken und damit viel konstruierter als das, was in einem Kopf vor sich geht, inklusive in unseren eigenen!

M: Warum haben Sie sich dafür entschieden, einen Moment zu beschreiben, der sicherlich sehr dicht ist, aber nur ein Moment im Leben dieses Jugendlichen ist, anstatt vier Bände mit all seinen Abenteuern zu schreiben und zu verfolgen, wie er sich entwickeln wird? Als ich das Buch gelesen habe, wollte ich unbedingt wissen, wie es weitergeht und was vorher passiert ist. Man fühlt sich in diesem Moment wirklich gefangen. Warum also diese Wahl?

GA: Das ist wirklich das Prinzip dieser Bücherreihe, es ist ein Band, ein sehr kurzer One-Shot über einen bestimmten Moment. Solche Romane hatte ich schon für den Verlag Actes Sud junior geschrieben. Es ist der Moment, wenn im Kopf ein Gewitter tobt, es ist der Schlüsselmoment in einem Leben, ein sehr kurzer Zeitpunkt, sehr komprimiert. Und dafür braucht man nicht alles, was vorher passiert ist, das wäre nicht unbedingt sehr interessant. Denn was interessant ist, wird er uns sowieso erzählen, wir werden schon entdecken, was interessant war. Der Rest ist eigentlich eine eher typische Jugend – und das ist nicht sonderlich spannend. Wir erleben hier einen Moment der Intensität, den wir alle schon erlebt haben. Wir alle haben schon einmal erlebt, dass eine Woche ein bisschen anstrengend, ein Tag uncool oder ein Jahr sehr hart ist. Und genau dann kann man mit der dramatischen und emotionalen Intensität etwas machen. Und was die Frustration angeht, keine Fortsetzung zu haben und so, das ist nun mal die Literatur, und das Schreiben im Allgemeinen. In Filmen und so spielt man auch mit der Frustration. Das heißt, man kann sich entscheiden, wie es in den Serien jetzt oft der Fall ist, alles ausführlich zu erzählen, auch Dinge, die manchmal nicht unbedingt notwendig sind, Nebenrollen, über die man nicht alles wissen müsste. Oder man kann sich dafür entscheiden, den Leser zu frustrieren. Diese Frustration wird ihn dazu zwingen, auf das Gelesene zurückzukommen, darüber nachzudenken und die Dinge selbst zu verstehen, anstatt das Buch einfach wegzulegen und zu denken: „Das war's, ich habe alles, was ich brauche, und ich kann mit etwas anderem weitermachen“ und sich etwas auf YouTube anzuschauen. Es ist auch eine Möglichkeit, dem Gehirn des Lesers viel Futter in einer sehr kurzen Zeit zu geben. Und dann hat das Gehirn Zeit, es zu verdauen, frustriert zu werden, etwas anderes damit zu machen und sich zu denken „aber ich habe meine Antwort zu dieser Figur nicht bekommen, ich mag sie trotzdem, warum reden wir nicht mehr über sie? Oh ja, aber es stimmt, dass sie irgendwann mal gesagt hat...“ Es ist eine Entscheidung, eine Wette, um länger im Kopf des Lesers zu bleiben.

M: Ich denke, dass es gut funktioniert hat! Ich war frustriert, dass es keine Fortsetzung gibt!

GA: (lacht) Entschuldigung! Ich wollte nicht so viel Frust verursachen!

M: Nein, aber es war sehr interessant, denn man kennt die Figur am Anfang des Buches überhaupt nicht, und obwohl es sehr kurz ist, hängen wir am Ende doch sehr an ihm, und wir wollen ihm wirklich helfen oder versuchen, etwas für ihn zu tun. Woher kommt diese Figur überhaupt? Wie haben Sie es geschafft, ihn zu erschaffen, ihn zu formen?

GA: Es sind mehrere Dinge. Es ist ziemlich kompliziert, weil im Moment viel über Mädchen in der Literatur, in der Jugendliteratur und in der Gesellschaft gesprochen wird, und das ist auch notwendig, aber ich treffe das ganze Jahr über Schüler. Ich treffe zwischen 50 und 100 Klassen pro Jahr, von 7-8 Jahre bis zu 20 Jahre alt. Manchmal war ich von den Rückmeldungen männlicher Leser zu meinen Romanen überrascht und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass da Dinge waren, die sie nicht sagten und die aber auch nicht gehört wurden. Wir sind an einem Punkt, an dem wir bei all diesen Fragen zu Stereotypen, Geschlecht usw. an einem entscheidenden Punkt gekommen sind, sie nehmen viel Raum ein und gleichzeitig sind es immer dieselben Leute, die wir hören. Es wird gestritten und keiner hört den anderen zu, und so dachte ich mir: „Auch wenn es bedeutet, heruntergeputzt zu werden, gehe ich das Risiko ein, über Jungs zu sprechen, aber nicht über Jungs, die allen gefallen werden“. Es sind Jungs, die nicht besonders feministisch sind, die sich von einigen Forderungen von Frauen sehr angegriffen fühlen, weil sie sich denken „aber mein Leben ist nicht cool, also an welchem Punkt hört ihr auf, mir zu sagen, dass ich als dominanter Mann jetzt die Klappe halten soll“. Er bekommt eine Chance, berührend zu sein. Ich denke, dass man über die Literatur die Menschen zusammenzubringen kann, sie bietet uns die Chance, andere Menschen und Denkweisen zu verstehen und uns nicht abzugrenzen. Ich hatte ein bisschen Angst, ich dachte „Ich werde von einigen Leuten ziemlich harte Reaktionen erhalten“, aber eigentlich war das dann viel weniger als ich befürchtet hatte. Eigentlich bin ich wirklich glücklich, auch jetzt mit der Nominierung für den Preis, ich hatte das nicht erwartet. Dieser Roman ist Teil einer Bücherreihe, er wird als Teil einer Bücherreihe verkauft, ich dachte nicht, dass er plötzlich herausstechen würde. Ich denke, dass das Buch vielleicht zur richtigen Zeit kam und dass es kein Zufall ist, dass es gerade jetzt wahrgenommen wird. Denn die Reaktionen kamen wirklich sehr schnell und sehr stark. Ich habe eine Menge Einladungen, sogar für 2022 für diesen Roman. Ich denke also, er spricht etwas an.

M: Tatsächlich, ich denke, dass Sie einen etwas anderen Weg eingeschlagen haben als den, den Sie heute hätten nehmen können, wenn Sie „dem aktuellen großen Trend“ gefolgt wären. Ich war auch überrascht – aber positiv überrascht – zu sehen, dass Sie sich mit diesem Thema auseinandersetzen, dass Sie über dieses Thema sprechen. Das finde ich nicht so üblich, und es ist gut, dass sich jeder äußern kann und dass man die Ideen aller hören kann.

GA: Es handelt sich immer noch um eine fiktive Figur. Er soll nicht alle Jungs repräsentieren, oder alle Jugendlichen, oder mich selbst. Aber was ich interessant finde, ist, dass viele männliche Leser Dinge wiedererkennen und dass viele Leserinnen von der Brutalität von Antons Erfahrung schockiert sind und sie für ziemlich außergewöhnlich halten. Aber sie ist es wirklich nicht. Es ist eine ziemlich typische Jugend für einen Jungen.

M: Ich glaube, dass uns das heute viel weniger bewusst ist, weil wir zum Beispiel mit der feministischen Bewegung glauben, dass die Jungs ihr Leben nicht gut führen und dass die Mädchen Probleme und Forderungen haben, die legitim sind. Aber in Wirklichkeit ist das nicht der Fall, auch Jungs haben Probleme und Forderungen, die legitim sind.

GA: Womit ich ein Problem habe (aber das ist ein sehr weites Feld), ist Folgendes: Ich habe den Eindruck, dass einige Frauen im Moment die gleichen Rechte wie Männer einfordern, sich schlecht zu verhalten und das zu tun, was die schlimmsten Männer tun. Aber es wäre cooler, den Jungs, die sich gut benehmen, zu zeigen, dass wir weiter versuchen werden, uns auch gut zu benehmen, und dass wir möchten, dass alle anderen das auch tun. Und nicht: „Ich möchte auch in der Lage sein, Typen, die auf der Straße vorbeigehen, nachzupfeifen, ich möchte auch in der Lage sein, mich schlecht zu benehmen, ich möchte vulgär und unhöflich und aggressiv sein“. Es ist gut, es zu wollen, aber es ist kein gutes Modell. Es stört mich ein wenig, dass es als Chance der Männer dargestellt wird, sich so zu verhalten. Warum habe ich diese Gelegenheit nicht früher genutzt?

M: Vielen Dank für die Zeit, die Sie sich genommen haben, um all diese Fragen über Ihr Buch zu beantworten.

GA: Ich danke Ihnen vielmals. Ich danke Ihnen für die Fragen und es war mir ein Vergnügen.

 


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